Menschen versammeln sich vor dem Hauptbahnhof. Das große "LESBEN gegen RECHTS"-Banner ist gut zu sehen. Vorne das weiße Banner "Trans*Inter*Dyke*-March Bremen"
Trans*

Rede von Theo und Ivan |T*I*D* 2018 – trans*

Danke für die Möglichkeit, das Skript des Redebeitrags vom 24.08.2018 zu veröffentlichen. Es gilt das gesprochene Wort. Unterschiedliche Schreibweisen entsprechen dem jeweiligen Skript.


Rede von Theo und Ivan aus der Bremer trans* Kommunity

Wir sind heute hier um auf die strukturelle Diskriminierung von Trans*Menschen aufmerksam zu machen.

Trans* Personen in Deutschland werden durch ganz konkrete gesetzliche Regelungen in ihren Grundrechten eingeschränkt.

Wir wollen hier einige dieser Punkte benennen.

  • Das Transsexuellengesetz (TSG) bspw. regelt das Verfahren zur Vornamens und Personenstandsänderung. Das durchs TSG vorgegebene Verfahren in dem sich Trans*Personen einer „Begutachtung“ durch zwei Gutachter*innen unterziehen lassen müssen, ist nicht nur entwürdigend und übergriffig, sondern auch mit Kosten für die Bezahlung der Gutachter*innen verbunden. Diese Kosten müssten Betroffene selbst tragen, wenn sie keinen Anspruch auf Prozesskostenhilfe haben.
    Wir fordern eine ersatzlose Abschaffung des TSG und seines Gutachtersystems!
  • Die Änderung des Vornamens und/oder Personenstandes (derzeit geregelt in §1 und §8 des TSG) muss auf Selbstbestimmung der Person basieren und reduziert werden auf den formalen Verwaltungsakt. Eine solche Regelung wird in anderen Ländern wie bspw. Irland, Malta und Dänemark bereits umgesetzt.
  • Darüber hinaus soll der Personenstand nicht nur die Optionen Mann oder Frau zulassen, sondern noch weitere Optionen beinhalten, welche Inter*- und NichtBinäre*-Menschen berücksichtigen.
  • Ein anderer Bereich in dem Trans*Menschen ebenfalls nicht mit berücksichtigt werden ist das Abstammungsrecht. So regelt das BGB in §1591 bspw. „Mutter eines Kindes ist die Frau, die es geboren hat“.
    Diese Regelung macht die Anerkennung von gebärenden Vätern oder nicht-binären Personen somit unmöglich, genauso wie die Anerkennung zeugender Mütter und nicht-binärer Elternteile. Trans* Eltern werden derzeit mit ihrem alten Namen und falscher Geschlechtsbezeichnung in die Geburtsurkunde ihrer Kinder eingetragen.
    Wir fordern deshalb eine Reformierung des Eltern- und Abstammungsrechts, welche sich nach dem Identitätsgeschlecht der Eltern richtet. Es sollte auch möglich sein, mehr als zwei Elternteile anzugeben, um der Vielfältigkeit von Familien(formen) gerechter zu werden.

Nicht immer sind Gesetze der Grund für Diskriminierung. Fehlende Sensibilität und ein System was Trans*Menschen nicht mitbedenkt stellt für die Betroffenen häufig eine Belastung dar.

Darunter fällt auch der Gang zum Arzt.

Denn viele Ärzt*innen kennen sich mit Trans* und den damit verbundenen Thematiken nicht ausreichend aus. Dies bringt häufig gleich mehrheitlich Probleme mit sich.
Zum einen kann es dazu kommen, dass Ärzt*innen ohne ausreichendes Wissen über Trans*Körper häufiger inkorrekte Diagnosen stellen und/oder keine für die Patient*innen geeignete Behandlung/Beratung anbieten können oder wollen.

Auch geschieht es, dass Trans*Menschen von Ärzt*innen invasive und intime Fragen bzgl ihres Trans*Seins gestellt bekommen, auch wenn diese Informationen für die Behandlungen oft unerheblich sind. Viele Trans*Menschen fühlen sich in solchen Situationen wie Forschungsobjekte.

Ein weiteres grundlegendes Problem ist, dass trans* Personen nicht ernst genommen werden und absichtlich mit falschen Namen, Pronomen und Anreden angesprochen werden.

Wir fordern deshalb verpflichtende Fort- und Weiterbildungen für Ärzt*innen in regulierten Zeitintervallen, Qualitätszirkel zu queeren Themen in der Medizin und die Aufnahme trans*spezifischer Gesundheitsthemen in die Ausbildung von medizinischem Personal.

Gewalt kann verschiedene Formen annehmen. Sie kann durch diskriminierende Gesetze,
Institutionen und abfällige mediale Darstellung ausgeübt werden. Sie kann verbal, körperlich oder psychisch erfolgen und ist ein ständiger Begleiter. Besonders gefährdet sind trans* Personen, die Mehrfachdiskriminierung erfahren oder sich in prekären Abhängigkeitsverhältnissen befinden.

Darunter fallen unter anderem trans* Personen mit Fluchthintergrund, trans* Personen, die sexualisierte Gewalt erleben oder erlebt haben und trans* Personen, die in der Sexarbeit tätig sind.

Verfolgung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe ist in der Genfer Flüchtlingskonvention als Fluchtgrund anerkannt. Unter diese Kategorie fallen auch LGBTIQ+ Personen, die aufgrund ihrer Identität von Gewalt bedroht sind und fliehen müssen.

Daher kann es nicht sein, dass LGBTIQ+ Personen darauf verwiesen werden, ihr Herkunftsland sei sicher, wenn dies offensichtlich nicht der Fall ist.

Auch die Unterbringung von LGBTIQ+ Menschen die geflüchtet sind, ist hier in Deutschland nicht zumutbar, da Viele in den Unterkünften weiterhin der Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt sind, der sie zu entkommen versuchten. Gewalt kann hier durch verschiedene Akteur*innen ausgeübt werden; bspw. von Sicherheitspersonal, Angestellten oder anderen Bewohner*innen.

Wir fordern, dass geflüchtete LGBTIQ+ Personen in für sie sicheren Unterkünften untergebracht werden und der Zugang zu einer sensiblen und unabhängigen Beratung sichergestellt ist. Darüber hinaus sollten geflüchtete Menschen einen möglichst unbürokratischen Zugang zu medizinischer Versorgung erhalten, welche auch Leistungen für trans* Personen beinhaltet.

Darunter fallen z.B. Hormonbehandlungen und operative Eingriffe.
Für geflüchtete Personen, die ihre Identität nicht nachweisen können, ist die Lage besonders prekär.

Ohne Papiere zu sein bedeutet im Alltag große Hürden nehmen zu müssen und ein noch
komplizierteres Asylverfahren. Wir finden, dass jede*r das Recht auf ein menschenwürdiges Leben hat und fordern daher, dass die Identität der Betroffenen, egal ob cis oder trans*, anerkannt werden sollte.

Geschützt und unterstützt werden müssen auch Betroffene von sexualisierter Gewalt, denn diese ist ein strukturelles Problem, dem trans* Personen in besonderem Maße ausgesetzt sind. Aufgrund gemachter Gewalterfahrungen in verschiedenen Institutionen ist die Hemmschwelle, sich an Beratungsstellen zu wenden oder Anzeige zu erstatten hoch. Trans* Personen können sich oftmals nicht sicher sein, ob Mitarbeiter*innen sensibilisiert sind und welche Hilfsangebote überhaupt für sie offen stehen. So war in der TAZ zu lesen, dass eine Umfrage von 2012 ergab, dass von 100
autonomen Frauenhäusern nur 57% Trans* Frauen aufnehmen würden.
(Nachzulesen in der taz. „Wenn der Schutz fehlt“)

Wir fordern, dass Beratungsstellen für die Lebensrealitäten von trans* Personen sensibilisiert sind und von staatlicher Seite ausreichende finanzielle Mittel bereitstehen, um eine flächendeckende, barrierearme und intersektionale Unterstützungsstruktur zu schaffen.