Menschen versammeln sich vor dem Hauptbahnhof. Das große "LESBEN gegen RECHTS"-Banner ist gut zu sehen. Vorne das weiße Banner "Trans*Inter*Dyke*-March Bremen"
Inter*, Plus & Stern beim T*I*D*

Rede von Doro und Pe* | T*I*D* 2018 – enby/ inter/ nicht-binär/ trans*

Danke für die Möglichkeit, das Skript des Redebeitrags vom 24.08.2018 zu veröffentlichen. Es gilt das gesprochene Wort. Unterschiedliche Schreibweisen entsprechen dem jeweiligen Skript.


Persönliche Perspektive 3. Option / nicht-binär und Aufruf Aktion Standesamt von Doro und Pe* (Pe* sagt die kursiven Teile)

Ich bin Doro und ich bin Pe*. Ich bin inter* und ich bin trans*. Wir lieben einander und leben als Ehepaar zusammen. Wir finden uns beide in der Zweigeschlechterordnung  von „Frau“ und „Mann“ nicht wieder und fordern für uns und andere eine 3. Option beim Personenstand. Deshalb machen wir beide bei der Aktion Standesamt 2018 mit.

Am 10. Oktober 2017 hat das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe auf die Klage von Vanja festgestellt:

„Personen, die sich dauerhaft weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen, werden in beiden Grundrechten – Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und Verbot der Benachteiligung auf Grund des Geschlechts – verletzt, wenn das Personenstandsrecht dazu zwingt, das Geschlecht zu registrieren, aber keinen anderen positiven Geschlechtseintrag als weiblich oder männlich zulässt.“

Das existierende Personenstandsrecht ist also verfassungswidrig. In ihm wird die geschlechtliche Vielfalt der Menschen nicht abgebildet. Es gibt mehr als nur zwei Geschlechter, also mehr als nur Frauen und Männer.

Das Bundesverfassungsgericht hat den Gesetzgeber aufgefordert, bis zum Jahresende eine Neuregelung zu schaffen, die entweder einen dritten positiven Geschlechtseintrag ermöglicht oder auf die Erfassung des Geschlechts ganz verzichtet.

Letzte Woche hat das Bundeskabinett einen Gesetzesentwurf von Seehofers „Heimatministerium“ gebilligt, der ein drittes Geschlecht als Eintrag möglich macht. Aber dieser Entwurf ist eine Katastrophe und erneut verfassungswidrig.

Das Bundesverfassungsgericht stellt ausdrücklich fest:

„Durch die ausschließliche Festlegung auf ‚weiblich‘ und ‚männlich‘ ist die selbstbestimmte Entwicklung und Wahrung der Persönlichkeit spezifisch gefährdet.  […] Die Verwehrung der personenstandsrechtlichen Anerkennung der geschlechtlichen Identität gefährdet darum bereits für sich genommen die selbstbestimmte Entwicklung.“

Selbstbestimmung und geschlechtliche Identität spielen hier also eine zentrale Rolle.

Das Seehofer-Gesetz gibt die Deutungshoheit jetzt aber wieder der Medizin. Wer einen Geschlechtseintrag als „divers“ beantragt, soll medizinische Atteste vorlegen, die eine „Variante der Geschlechtsentwicklung“ belegen. Kinder, die nicht als „weiblich“ oder „männlich“ zugeordnet werden können, müssen als „divers“ eingetragen werden oder der Eintrag bleibt offen.

Von Selbstbestimmung ist bei Seehofer keine Rede mehr.

So einfach ist es also nicht mit dieser Geschlechtsidentität, dass wir den Körper vermessen und Hormonspiegel testen oder die Gene analysieren und dann können wir vom Messbaren auf das Spürbare, das Selbst der Person schließen.

Nicht-binäre Trans*Personen haben das gleiche Recht und den Anspruch auf einen dritten Geschlechtseintrag. Und Im Personenstand muss diese Dritte Option eines Geschlechtes jeder Person offen stehen, deren Geschlecht im Geburtsregister eingetragen wird.

Wenn Babys, deren Körper nicht in die Normen der Zweigeschlechterwelt passen, und nur diese, als „divers“ eingetragen werden müssen, bleibt auch die 3. Option eine Stigmatisierung. Inter* Organiationen forden daher, den Eintrag bei allen Kindern offen zu lassen und erst später eine freiwillige Eintragung auf Basis der eigenen Identität zu ermöglichen. Das wäre eine Lösung, die den Maßgaben des Bundesverfassungsgerichtes entspricht und die Grundrechte auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und Diskriminierungsschutz achtet.

Wir haben uns entschieden, für uns die „3. Option“ zu beantragen, ohne Vorlage medizinischer Gutachten, auf Basis unserer geschlechtlichen Identität, am gleichen Tag mit vielen, im Rahmen der Aktion Standesamt 2018:

  • Ich werde in Gifhorn/ Niedersachsen beantragen, dass bei mir der alte Personenstand gestrichen und durch die neue Option enby/ nichtbinär/ inter ersetzt wird.
  • Ich werde in Essen / NRW beantragen, dass bei mir der alte Personenstand gestrichen und durch die neue Option divers/ nichtbinär ersetzt wird.
  • Wir werden dazu in der ersten Oktoberwoche in öffentlichen Aktionen auch in Bremen diesen Schritt begleiten und am Ende der Woche am 13. Oktober in Berlin für die Umsetzung des Verfassungsgerichtsurteils eine zentrale Demonstration durchführen.

 Wer uns unterstützen möchte, kann gleich oder morgen am CSD-Stand zu uns kommen. Wir haben die Unterschriftenlisten für eine Petition dabei, die eine Umsetzung des Verfassungsgerichts-Urteils fordert, die den Forderungen an geschlechtliche Selbstbestimmung gerecht wird.

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