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Rede von Anne | T*I*D* 2018 – bisexuell

Danke für die Möglichkeit, das Skript des Redebeitrags vom 24.08.2018 zu veröffentlichen. Es gilt das gesprochene Wort. Unterschiedliche Schreibweisen entsprechen dem jeweiligen Skript.


Rede von Anne aus Bremens queerer Kommunity

Moin zusammen,

Mein Name ist Anne, ich definiere mich als Cis-Frau und lebe in einer Beziehung mit einem Cis-Mann. Augenscheinlich steckt man mich in die Hetero-Schublade. Damit genieße ich erst mal die Privilegien der heteronormativen Gesellschaft.

Ich fühle mich dieser aber nicht zugehörig.

Ich bezeichne mich selber als bisexuell. Am liebsten ziehe ich dafür die Definition von Bi-Aktivistin Robyn Ochs dazu:

„Ich bin bisexuell, weil ich anerkenne, dass ich mich potentiell zu Menschen mehr als eines Geschlechts hinzugezogen fühlen kann, sei es sexuell und/oder romantisch. Nicht unbedingt zum gleichen Zeitpunkt, auf die gleiche Art und Weise oder in der gleichen Intensität.“

In heterosexuellen Räumen fühle ich mich damit zu queer, in queeren Räumen zu heterosexuell.

Lange Zeit habe ich mich nicht getraut, zu entsprechenden Treffen und Veranstaltungen für und von der LGBTIQ*-Community zu gehen. In heterosexuellen Kreisen habe ich meine Sexualität geheim gehalten. Zu groß war die Angst, aufgrund von Bisexualität stigmatisiert zu werden.

Aber verstecken bringt ja auch nichts. Unsichtbar wollte ich auch nicht sein.

Mittlerweile engagiere ich mich für LGBTIQ*-Rechte und lerne immer mehr Mitmenschen mit den unterschiedlichsten Sexualitäten und Geschlechtsidentitäten kennen. Im Großen und Ganzen werde ich hier akzeptiert und ernst genommen.

Aber leider fallen auch innerhalb der Community noch Aussagen, die mich kränken.
„Ich möchte keine bisexuelle Freundin. Da hätte ich immer Angst, dass sie mich betrügt.“

Oder

„Eine Person, die bereits andersgeschlechtliche Erfahrungen gemacht hat, ist für mich nicht so rein.“

Auf CSD-Demonstrationen rufen sie laut: „Lieb‘ doch, wen Du willst!“
Aber ich soll mich vorher auf ein Geschlecht festlegen?

Ganz zu schweigen von den Standard-Sprüchen, bezüglich einer Phase oder der Nicht-Existenz von Bisexualität. Gerade dadurch fühlen sich viele Bisexuelle dazu gedrängt, ihre Sexualität vor anderen zu beweisen – vor allem wenn sie in einer Beziehung stecken oder bisher nur Erfahrungen mit einem Geschlecht gemacht haben.

Ich bezeichne solche Aussagen schlicht und einfach als bifeindlich. Und gerade von Menschen, die bereits selber zum Beispiel homo- oder transfeindliche Erfahrungen machen mussten, wünsche ich mir deutlich mehr Offenheit und Toleranz.

Einen Grund für die Vorurteile gegenüber Bisexuellen innerhalb der gesamten Gesellschaft sehe ich in der medialen Darstellung.

Hier wird Bisexualität zur Charaktereigenschaft und die Figuren selten weiter ausgeschmückt. Meistens sind sie in Dreiecksbeziehungen oder fallen durch Untreue auf. Die Figuren werden deviant dargestellt. Irgendwie böse oder sogar psychopathisch.

Zum Beispiel Jenny Schecter in „The L-Word“ (eine Serie über queere Frauen in Los Angeles), die zu Anfang der Serie mit Männern zusammen ist, dann mit Frauen und sich einfach nicht auf einen Menschen festlegen kann, viel lügt und betrügt.  Oder Adéle in „Blau ist eine warme Farbe“, die ihre Freundin Emma mit einem Mann betrügt.

Und auch die Stars und Sternchen, die sich immer häufiger als bisexuell outen, tragen nicht unbedingt zu einem besseren Bild bei. Immer häufiger kommt mir zu Ohren, dass „Bisexualität gerade voll im Trend“ sei.

Ich bin also im Trend? Ich will gar nicht im Trend sein.

Und ich habe noch keine bisexuellen Menschen getroffen, die sich als bi identifizieren, weil es angesagt wäre.

Fünf Wünsche habe ich für die Zukunft:

  • Bitte denkt daran, dass es mehr gibt als nur Heterosexualität und Homosexualität. Schenkt auch den Bisexuellen, Pansexuellen, Intersexuellen und Transpersonen die Aufmerksamkeit und predigt für Toleranz anders liebender oder anders geschlechtlicher Menschen.
  • Macht euch klar, dass Bisexuelle unsichtbar sind. An dem Geschlecht des Partners erkennt man sie einfach nicht.
  • Hört zu und versucht zu verstehen. Bi-Feindlichkeit gibt es nicht nur in der heteronormativen Gesellschaft, sondern auch in unserer Community. 30% der Bisexuellen wurden in unserer Community schon diskriminiert oder gemobbt. Aber wir sind keine Verräter, sondern Verbündete!
  • Lasst uns gemeinsam gegen die übersexualisierte Darstellung von Bisexuellen kämpfen. Und das fängt im Kopf an! Wir sind nicht automatisch promiskuitiv, leben polyamor, sind für jeden verfügbar oder haben den Wunsch nach Gruppensex.
  • Bisexualität existiert. Und das soll nicht geleugnet werden. Es ist keine Phase und wir sind weder verwirrt noch unentschlossen.

Mein Fazit an diesem Abend ist also eigentlich recht einfach:

Wir wollen anerkannt und nicht aufgrund unserer Sexualität charakterisiert werden. Denn wir haben das genauso verdient, wie alle anderen Menschen hier auch!